Hallo Zusammen,

in meinem heutigen Beitrag möchte ich mich, wie der Titel schon vermuten lässt, mit den Grenzen der Kunst befassen. Wodurch wird die Kunst beschränkt? Welche Faktoren müssen wir als Künstler beachten? Welche Rollen spielen dabei die Gesetzgebung, die Gesellschaft und der Künstler selbst? Das sind nur einige der Fragen, die ich im Folgenden versuche zu beantworten.

BEHIND BARS

Aktueller Anlass: Missbrauchslyrik des Rammstein-Sängers Till Lindemann

Ich bin durch die aktuelle Debatte bezüglich der kürzlich veröffentlichten Gedichte des Rammstein-Sängers Till Lindemann auf das Thema aufmerksam geworden. Lindemann ist seinerseits bekannt für provokante Aussagen, Liedtexte und Musikvideos. Es ist auch nicht das erste Mal, dass öffentlich darüber diskutiert wird, ob seine Form der Kunst erlaubt sein darf oder nicht. Jedoch hat er diesmal mit seinem Gedicht "Wenn du schläfst" eben wieder ein Thema angesprochen, dass äußerst sensibel ist, auch wenn man hier wie immer den Autor vom lyrischen Ich trennen muss:

Lindemann beschreibt in seinem Gedicht eine Vergewaltigung aus Sicht des Täters.

Die Kunst darf alles ...

Auf Spiegel-Online habe ich dann ein paar Tage später einen relativ guten Meinungsbeitrag von Arno Frank mit dem Titel "Es ist klar, wer da kritzelt" zu Till Lindemann und seinem Gesicht gelesen. Das folgende Zitat aus eben diesem Beitrag beschreibt im Grunde sehr genau, was Kunstfreiheit bedeutet. 

"Kunst ist Kunst und darf das. Sie darf alles. Wirklichkeit abbilden und Moral ausblenden. Abgründe ausloten und dabei unbeteiligt tun. Gewalt in ihren widerwärtigsten Erscheinungsformen feiern und zugleich ein erbärmliches Bild männlicher Sexualität zeichnen. Sie schuldet ihrem Publikum kein ästhetisches Erlebnis, nicht einmal einen Erkenntnisgewinn.
Alles das darf Kunst, immer. Nur Applaus darf sie nicht erwarten, nie." 

... und trotzdem gibt es Grenzen

Auch wenn die Kunst vermeintlich alles darf, so ist sie doch in einigen Punkten limitiert. Für eine bessere Übersicht habe ich diese Grenzen in die Bereiche Rechtswesen, Gesellschaft & Zielgruppe, Voraussetzungen des Künstlers, Aufwand & Material und Eigenschaften des Mediums aufgeteilt

Rechtswesen 

"Die eigene Freiheit endet dort, wo das Recht des anderen beginnt"

Dieses Zitat liest man immer wieder dann, wenn es um Gesetze und Rechte geht. Und auch für die Grenzen in der Kunst sagt dieses Zitat ziemlich genau das aus, was zu juristisch beachten ist. Grundsätzlich darf die Kunst alles, man darf dabei nur nicht die Rechte anderer verletzen. Ich bin kein Jurist, daher bitte ich dich darum, im Zweifel den Rat eines Fachmannes einzuholen. Die nachfolgenden Beispiele sollen lediglich zeigen was man ungefähr beachten sollte und warum.

Wenn ich als Fotograf eine andere Personen gegen ihren Willen auf der Straße fotografiere und dieses Bild verwende, dann verletze ich unter anderem das Recht dieser Person am eigenen Bild. Dieses Recht gibt dem Abgebildeten die Befugnis, über die Verwendung des Bildes zu bestimmen, einschließlich des Rechts, einer Veröffentlichung zu widersprechen. In den oben genannten Bereich, der Streetfotografie, bewegt man sich als Künstler auf einer dünnen Schwelle zwischen legitim und verboten - Kunstfreiheit gegen Interessen der fotografierten Personen.

Ein weiteres Beispiel sind Werke, die eine Person oder eine Personengruppe direkt beleidigen, erniedrigen oder bloß stellen. Ein prominentes Beispiel ist hier die Schmähkritik von Jan Böhmermann, in welcher er den türkischen Präsidenten Erdogan persönlich angegriffen hatte.

Mein letztes Beispiel an dieser Stelle ist das Theaterstück "FEAR", das seit 2015 in dem Berliner Theater Schaubühne aufgeführt wird. In dem Stück werden Bilder von einer Politikerin aus dem rechten Lager und deren Name auf der Bühne verwendet. Dieser Fall ging sogar vor Gericht. Den Prozess gewann am Ende das Theater: das Gericht entschied sich zu Gunsten der Kunstfreiheit, da die Künstler die Politikerin in ihrem Stück nicht direkt angreifen.

Ich hoffe ich konnte dir mit diesen Beispielen ein Gefühl für den Zwiespalt geben, der sich durch diesen Interessenkonflikt ergeben kann.

Links:
Stellungnahme Schaubühne zum Stück FEAR
Tagesspiegel: Wie die AfD deutsche Bühnen unter Druck setzt

Gesellschaft & Zielgruppe

Rechtlichte Konsequenzen können einen Menschen zum Teil schwer bestrafen. Ein schlechtes Gewissen oder gesellschaftliche Konsequenzen können einen Menschen manchmal sogar noch mehr bestrafen. Jede unserer Taten hat Folgen. Jedes mal, wenn man als Künstler seine Werke mit der Welt teilt, macht man sich selbst ein Stück angreifbarer. Wenn es nur vereinzelt ein paar dumme Kommentare in den Sozialen Medien sind, kann man als Künstler zumeist noch darüber hinweg sehen. Wird die eigene Kunst aber vom Großteil der Menschen belächelt oder man selbst als Künstler nicht ernst genommen, ist das schon deutlich schwerer. Aber auch das genaue Gegenteil kann der Fall sein. Vielleicht verletzt man eine andere Person mit dem eigenen Werk oder stellt sie damit öffentlich bloß. Das muss nicht zwangsläufig rechtliche Folgen für den Künstler haben, auch Gewissenskonflikte können eine schwere Strafe dafür sein. Sollte die verletzte Person dann eventuell sogar auf Rache aus sein, können die Folgen existenziell sein. Ein grausames Beispiel hierfür sind die Anschläge auf die französische Satire-Zeitschrift "Charlie Hebdo".

Eine weitere Grenze der Kunst ist die Zielgruppe. Die Vorraussetzungen der Betrachter wie zum Beispiel der Wissensstand und die Akzeptanz für eine gewisse Kunstform und den Inhalt des Werkes sind essentiell für das Kunstverständnis. Kann oder will der Konsument das Gesehene nicht als Kunstwerk verstehen, kann es sein, dass eventuell darin enthaltene Inhalte, Nachrichten oder Lehren nicht vermittelt werden können. Da Kunst aber nicht dadurch definiert wird, dass sie als Übermittlungsmedium fungieren muss, sondern vielmehr als Ergebnis eines menschlichen Schaffungsprozesses zu verstehen ist, gilt diese Grenze nicht für alle Kunstformen.

Voraussetzungen des Künstlers

Wichtig für das Kunstwerk sind auch die Voraussetzungen, die der Künstler als Mensch mit in das Werk einbringt. Hierzu zählen unter anderem der Wissensstand, die Fähigkeiten, die Meinungen und die Gefühle des Künstlers in dem Moment in dem das Werk entsteht. All diese Faktoren bieten viele kreative Möglichkeiten, können sich aber auch negativ auf ein Werk auswirken. Wenn ich noch nie ein Bild gemalt habe, wird mein erstes Bild sicherlich kein großer Erfolg. Passt meine derzeitige Gefühlslage nicht zum Kunstwerk, so kann sich das auch negativ auf das Werk auswirken.

Aufwand & Material

Wichtig für den Umfang und die Qualität eines Kunstwerkes ist auch die Zeit, die dem Künstler für sein Werk zur Verfügung steht. Ein Künstler, der von seiner Kunst seinen Lebensunterhalt verdient und sie somit in Vollzeit ausübt, hat natürlich bessere Voraussetzungen als ein Künstler, der nach seiner 40-Stunden-Woche erst mit seinem Schaffen beginnt. Andererseits kann es auch eine besondere Chance sein, wenn man in der Kunst ein Ventil zum kreativen Ausgleich findet.

Die Umsetzbarkeit eines Kunstwerkes aufgrund des damit verbundenen Aufwands ist ein anderer Ansatz für eine Grenze der Kunst, welcher auch an dieser Stelle aufzuzählen ist. Ein Kunstwerk, das ich in diese Kategorie einordnen würde, ist der Kölner Dom, dessen Bau über 600 Jahre gedauert und Unsummen gekostet hatte.

Apropos Unsummen: auch die Verfügbarkeit von Materialien und notwendigen Kapital kann ein Kunstwerk begrenzen. Wenn für die Umsetzung eines Projektes das Budget fehlt, muss man es entweder abändern oder man kann es schlichtweg nicht realisieren. Klar würde ich gerne die Landschaften in Norwegen mit den Nordlichtern fotografieren. Da mir aber im Moment die notwendigen Mittel und die Zeit für eine Reise in den Norden Norwegens fehlen, muss ich mit anderen Projekten vorlieb nehmen. Für manche Kunstwerke sind auch nur begrenzt verfügbare Materialien notwendig, welche das Kunstprojekt begrenzen können, auch dann, wenn genügend Kapital vorhanden wäre.

Eigenschaften des Mediums

Zu guter letzt möchte ich die Einschränkungen aufzählen, die durch die Wahl des Mediums bedingt sind. Da einige Informationen nur auf bestimmten Kanälen übertragen werden können, kann meine Entscheidung für oder gegen ein bestimmtes Medium bereits einschränken. Wähle ich eine Kunstform, die ausschließlich auf Text, Bild oder Ton basiert, so können dem Betrachter eventuell Informationen zum Verständnis fehlen, besonders dann, wenn es sich beim Betrachter um einen Menschen mit Behinderung handelt.

Kunst hat Grenzen ... und das ist auch gut so!

Jede Grenze ist auch eine Chance. Sich mit seiner Kunst den Grenzen zu nähern oder zu versuchen sie zu überschreiten kann eine Möglichkeit sein Grenzen für sich selbst zu nutzen. Das jedenfalls beweist das aktuelle Gedicht von Till Lindemann. Lindemann polarisiert und dadurch bleibt er relevant.

Beschränkungen können auch die Kreativität fördern, indem man sich als Künstler neue, eben kreative Wege sucht um eine Beschränkung zu umgehen oder sogar mit ihr zu arbeiten. Neue Ideen haben, neue Wege finden, neue Ansätze ausprobieren - die Dinge eben anders machen als andere, das ist es doch was Kreativität wirklich ausmacht.

Ich hoffe dir hat mein Beitrag zum Thema "Die Grenzen der Kunst" gefallen. Über einen Kommentar mit deiner Meinung zu dem Thema unterhalb von diesem Artikel würde ich sehr freuen.

In diesem Sinne: bis bald!